Freitag, 2. Oktober 2015

Wer nicht hören will...!

Liebes Coaching Tagebuch!

„Wer nicht hören will, muss fühlen“ ist ein Sprichwort, das viele von uns kennen, wurde mir im wahrsten Sinne des Wortes zum Verhängnis. Doch fangen wir mal ganz vorne an.
Unser ganzes Leben besteht aus Kommunikation.  Sofern wir der deutschen Sprache mächtig sind sollte das doch ganz einfach sein. Dennoch vergessen wir, dass Kommunikation aus mehreren Teilen besteht. Die größte Bedeutung geben wir dem gesprochenen Wort, dabei macht die verbale Kommunikation nur 10% der gesamten Kommunikation aus.
 
10%!!! Das ist nicht viel, wenn wir berücksichtigen, dass 30% paraverbal ablaufen. Wie ist die Lautstärke, die Tonhöhe, das Sprechtempo und die Betonung. Denken wir nur an eine gemeinsame Autofahrt mit unserem Partner oder Partnerin. Unser(e) BeifahrerIn macht uns auf die grüne Ampel aufmerksam. An und für sich nur eine Beschreibung, die Ampel ist grün! Aber was löst das in uns als FahrerIn aus. Ich würde es als Aufforderung verstehen schneller zu fahren. Dahinter steckt die Botschaft: „geh bitte fahr nicht schon wieder wie eine Schnecke“ oder „gib Gas, ich bin spät dran“..! Ganz schnell verliert das verbale Wort an Bedeutung. Wir achten penibel genau auf Lautstärke, Betonung und Tempo.
 
Noch komplizierter wird Kommunikation, wenn wir beachten, dass 60% nonverbal ablaufen. Wie ist die Körpersprache, die Mimik unseres Gegenübers. (Nähere Infos:  Equiperience erleben klick). 60% läuft jenseits von Sprache ab, dennoch geben wir viel Geld für Weiterbildungen und Seminare ausschließlich im verbalen und paraverbalen Bereich aus.

  • Aber wissen wir wirklich wie wir auf andere wirken?
  • Sind wir uns unserer nonverbalen Kommunikation bewusst?
Ich kann diese beiden Fragen mit einem ganz klaren JEIN ;-) beantworten.

In meiner Arbeit als Coach im tiergestützten Setting zeigen mir unsere Tiere nonverbale  Kommunikation auf. Es gibt Tage, da kommuniziere ich klar und deutlich, bin kongruent und wert, mir zu vertrauen und mich zu respektieren. Aber es gibt auch diese Tage wo alles anders ist. Wo ich genervt, nervös, wütend, zornig oder unsicher bin. Vor allem meine Stute „Fly my Way“ ist ein perfekter Spiegel meines Gemütszustands. Sie zeigt mir immer klar und unverfälscht auf, wo ich stehe und ob es sich lohnt, mir zu vertrauen. Das sind dann die Momente, wo ich inne halte und an meiner Körpersprache und meiner seelischen Verfassung arbeite.
Ich bin jedes Mal zutiefst ergriffen, wenn Fly mir diese Möglichkeit und Chance gibt.

Aber wie sieht es umgekehrt aus?

Achte ich auf jedes Anzeichen, lasse ich mich auf unsere Form der Kommunikation zu 100% ein? Nein, leider nicht immer!
Fly versuchte mir immer wieder zu sagen: „Etwas stimmt nicht mit mir, mir tut meine Rücken weh, mein Genick schmerzt, bitte gib Acht auf mich, ich bin nicht in der Lage geritten zu werden!“ All die sanften Vorzeichen, einer ganz besonders liebevollen Kommunikation habe ich nicht gesehen, selbst größere Unmutsäußerungen habe ich überhört. Ich wollte eine Trainingseinheit unter dem Sattel wahrnehmen, ohne Wenn und Aber. Die einzige Möglichkeit die meine Stute nun hatte auf ihre Schmerzen aufmerksam zu machen war mich loszuwerden. Alle ReiterInnen unter euch wissen was das bedeutet. Von leichtem Bocken, über Steigen über heftiges Buckeln, alles nur um den Reiter und die Schmerzen loszuwerden. Gesagt, getan. Fly hat gewonnen und es dann doch geschafft mich abzuwerfen.
Und dann lag ich da am Rand des Vierecks und rang nach Luft. Kein angenehmes Gefühl! Auch wenn mir der Schock noch in den Gliedern saß war mir bewusst, das schaut nicht gut für mich aus. Ich will die Fahrt ins Krankenhaus und die Schmerzen nicht näher beschreiben.
Fazit: 3 gebrochene Rippen. Das tut echt weh, aber abgesehen von den körperlichen Schmerzen war ich zutiefst gekränkt und enttäuscht.

Gekränkt und enttäuscht von MIR!

Diese wundervolle Stute hat mir seit Jahren vertraut, mich als Leitstute akzeptiert und mich respektiert und mit einem Mal war alles was wir uns gemeinsam aufgebaut haben dahin. Vergessen, zerstört!

In den langen Wochen meiner Genesung hatte ich nun Zeit mich auch um Fly`s Gesundheit zu kümmern. Chiropraktische Behandlungen, Massagen und vertrauensbildende Maßnahmen prägten unseren Alltag. Körperlich sind wir nun beide wieder fit, nur das Erlebte sitzt tief. Fly muss wieder vertrauen zu mir fassen und deswegen nütze ich die Zeit für Wohlfühl - Massagen, Spaziergänge und Ausritte als Handpferd. Die Arbeit im Round Pen tut uns beiden gut und langsam wächst das gegenseitige Vertrauen. Auch den Sattel kann Fly mittlerweile wieder akzeptieren. Wann der richtige Zeitpunkt ist, wieder in diesen zu steigen, wird sie mir sagen. Und diesmal höre ich hin, bin achtsam und nehme jede Form der Kommunikation wahr.

Den richtigen Zeitpunkt bestimmt mein Pferd, denn ich weiß, wenn es für sie wieder in Ordnung geht, wird Fly auf mich aufpassen und auch ich kann erneut vertrauen.

Was ist nun das therapeutische Outcome dieser Geschichte?

Ich muss immer und überall auf nonverbale Kommunikation achten. Ich muss achtsam und behutsam mein Gegenüber wahrnehmen, auf meinen Bauch hören und Menschen dort abholen, wo sie stehen. Respekt und Vertrauen müssen erarbeitet werden und dürfen durch nichts erschüttert werden.

Wie diese Erfahrung meine Arbeit als Coach im tiergestützen Setting nachhaltig beeinflussen wird lest ihr im nächsten Eintrag.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen